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Weltpolitik & Sicherheit – Die Insel, die Chinas Aufstieg begleitet

  • Eva-Maria Späth
  • 12. Apr.
  • 7 Min. Lesezeit

[München, 12.04.2026] Ein Knopfdruck genügt. Und schon hört man den Fernseher brummen, das Radio summen. Brummen und summen. An diesen Tagen wohl (leider) viel zu oft über die aktuelle weltpolitische Lage, sodass selbst den Kleinsten in unserer Gesellschaft klar geworden ist, dass irgendwas im Iran und der Ukraine ganz gehörig schief läuft.


Iran und Ukraine – die wohl aktuell am meisten polarisierenden Konfliktherde – sind keine Einzelbeispiele. So versetzen Chinas Machtansprüche im Südchinesischen Meer neben zahlreichen Anrainerstaaten vor allem die demokratisch gewählte Regierung eines Landes mitsamt ihren Bewohnern in Angst und Schrecken.


Dies ist die Geschichte eines Inselstaates, der nicht einmal die Fläche der Niederlande fasst und trotzdem eine solche Schlüsselrolle in der globalen Wirtschaft spielt, dass er im Zentrum eines möglichen Konflikts zwischen Großmächten steht.


1. Der Ursprung des Konflikts


Wir schreiben die 1940er Jahre. Auf dem chinesischen Festland kommt es zu einem Bürgerkrieg zwischen der derzeit amtierenden Regierung (KMT) sowie den Kommunisten unter Mao Zedong. 1949 setzen sich die Kommunisten durch und gründen die Volksrepublik China, während die ehemalige Regierung sowie Soldaten und Sympathisanten auf die chinesische Insel Taiwan flüchten. Den Kommunisten ist es nicht möglich, den KMT auch von dieser Insel zu verdrängen, da sie nicht über eine richtige Marine oder Luftwaffe verfügen. Noch nicht.


Denn an dieser Stelle ist jener Konflikt noch nicht vorbei. Sowohl die Kommunisten als auch der KMT erheben Herrschaftsanspruch über das komplette chinesische Gebiet. Der KMT will zum Gegenschlag ausholen, um dann irgendwann das chinesische Festland zurückzuerobern.


Auf der Insel Taiwan – wo der KMT seine Exilregierung errichtet hat – folgt aus der fast schon paranoiden Angst vor kommunistischen Umsturzversuchen eine Ära aus Repression und Unterdrückung. Jegliche oppositionellen Regungen wurden rigoros unterdrückt.


Am chinesischen Festland kommt es zeitgleich zu einer Aufrüstung des Militärs unter Mao Zedong mit dem Ziel, den KMT endgültig von der Insel Taiwan zu verdrängen.


2. Taiwan und der Kalte Krieg


Parallel sieht sich die USA zunehmend mehr von der Sowjetunion bedroht und der Möglichkeit, dass eine kommunistische Verschwörung den ganzen asiatischen Raum heimsuchen könnte. Als 1950 der Koreakrieg ausbricht und die Kommunisten fast das komplette Land in nur 11 Wochen an sich reißen, sieht sich die USA das erste Mal gezwungen, auch in diesem Teil der Welt Friedenswächter zu spielen.


Mao, der zuvor auf eine groß angelegte Freigabe für eine Invasion oder von massiven Waffenlieferungen für die nordkoreanische Partei (Kommunisten) abgesehen hatte, aus Angst vor einem offenen Konflikt mit den USA, sieht sich aufgrund dieser akuten Kampfhandlungen nun auch gezwungen, groß angelegte militärische Unterstützung zu senden, um eine weitere Verbreitung der kommunistischen Ideologie zu unterstützen.


In einer Rede verkündet der amtierende US-amerikanische Präsident Truman deswegen eine Aussendung militärischer Truppen nach Korea, um die Kommunisten dort zu bekämpfen. In jener Ansprache verkündet er auch die Aussendung der Marineflotte nach Taiwan, um jegliche Art der Angriffe zu unterbinden, im Speziellen aber einen möglichen Angriff durch die Volksrepublik China, weil diese a) kommunistisch ist und b) deswegen durch die Sowjetunion unterstützt wird, die zu dieser Frühzeit des Kalten Krieges bereits den Hauptfeind der amerikanischen Regierung darstellte.


Um diese plötzliche Kehrtwende zu rechtfertigen, weist Präsident Truman darauf hin, dass Japan nach dem Zweiten Weltkrieg die Insel Taiwan an China abtreten musste, die genaue rechtliche Situation der Insel durch den kurzen Übergang aber unklar blieb – sprich, sie ist ungeklärt. Jene Aussage beeinflusst wohl in gewisser Weise bis heute die Taiwan-Politik der USA.


In den Folgejahren baut die USA ihre militärische Unterstützung in der Region und dabei mitunter in Taiwan aus, um eine weitere Verbreitung des kommunistischen Gedankenguts zu verhindern. Taiwan wird zum Brückenkopf im Ost-West-Konflikt und erhält dafür im Gegenzug militärischen Schutz.


Die militärische Abschreckung durch die Amerikaner wirkt. Zweimal – 1954 und 1958 – muss Mao Angriffe auf taiwanesisches Territorium auf Druck der Amerikaner beenden.


3. Ein-China-Politik


1971 wendet sich das Blatt. Taiwan – ehemals eines der Gründungsmitglieder der UN – verliert seinen Sitz im UN-Sicherheitsrat an die Volksrepublik China. Künftig ist die Volksrepublik somit der einzig rechtmäßige Vertreter des chinesischen Volkes im Sicherheitsrat.


Nach dem Verlust des UN-Sitzes erkennen viele Länder, darunter auch Deutschland, die Volksrepublik als einzig rechtmäßiges China an und nehmen diplomatische Beziehungen zu Peking auf, mit denen alle offiziellen Beziehungen zur Republik China (Taiwan) enden. Dies ist die Voraussetzung für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Volksrepublik.

1972 folgt der nächste Meilenstein für die Ein-China-Politik der Volksrepublik. US-Präsident Nixon stattet dem Land einen Staatsbesuch ab. Die Volksrepublik, ehemals ein erbitterter Feind der USA durch die ideologische Nähe zur Sowjetunion, hat sich in den letzten Jahren zunehmend von dieser entfernt. Die neue Regierung ist weltoffener, und die Volksrepublik im Allgemeinen bietet sich als wichtiger politischer und wirtschaftlicher Partner an.


7 Jahre später erkennt die USA die Volksrepublik als einzig rechtmäßiges China an. Taiwan verliert seinen Status quo. Paradoxerweise kommt es trotzdem zu keinem vollständigen Bruch mit Taiwan. Die USA verabschieden den Taiwan Relations Act. Dabei verfolgen sie eine strategische Ambiguität, indem sie nicht klar festlegen, ob sie Taiwan im Kriegsfall verteidigen, und sich diese Handlungsmöglichkeit offenhalten. Dies dient zum einen zur Abschreckung der Volksrepublik. Darüber hinaus übt die USA Kontrolle über Taiwan aus und bewegt die Regierung dazu, nicht die formale Unabhängigkeit zu erklären, was als Provokation von Seiten Pekings verstanden werden würde.


Die Republik China steht zunehmend mehr isoliert auf der internationalen Bühne dar. Ihr Hauptunterstützer (die USA) ist zum Feind übergelaufen, und nur noch 20 Staaten weltweit erkennen die Regierung von Taipeh als legitime Vertretung des chinesischen Volkes an.


4. Chinas Aufstieg


In den Folgejahren sieht sich die Volksrepublik im Zentrum eines beispiellosen wirtschaftlichen Aufstiegs, der das Land im Jahr 2026 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt macht. Aus einem weitgehend agrarisch geprägten Land entwickelt sich innerhalb weniger Jahrzehnte eine industrielle und technologische Supermacht. Fabriken entstehen im ganzen Land, internationale Unternehmen verlagern ihre Produktion nach China, und Hunderte Millionen Menschen werden aus der Armut gehoben.


Doch dieser wirtschaftliche Fortschritt geht nicht mit politischer Öffnung einher. Die kommunistische Partei hält weiterhin fest die Kontrolle über Staat, Medien und Gesellschaft. Jegliche oppositionelle Regung wird rigoros unterdrückt. Gleichzeitig wächst mit dem wirtschaftlichen Einfluss auch das geopolitische Selbstbewusstsein der Volksrepublik.


Die Führung in Peking beginnt zunehmend offensiver, ihre Interessen zu vertreten – sei es im Südchinesischen Meer, entlang neuer Handelsrouten oder eben in der Taiwan-Frage. Die militärische Modernisierung spielt dabei eine zentrale Rolle: Neue Kriegsschiffe, moderne Kampfflugzeuge und Raketensysteme sollen sicherstellen, dass China seine Ansprüche durchsetzen kann, wenn nötig militärisch. Im Rahmen jener militärischen Modernisierung hat die Führung konkrete Meilensteine gefasst. So soll die Volksbefreiungsarmee laut westlichen Berichten 2027 in der Lage sein, Taiwan militärisch anzugreifen. Somit bleibt die Insel das zentrale Ziel – politisch, historisch und symbolisch.


5. Demokratisierung Taiwans


Während auf dem Festland ein autoritäres System bestehen bleibt, entwickelt sich Taiwan in eine völlig andere Richtung. Ab den 1980er Jahren beginnt ein schrittweiser Wandel. So wird 1987 das seit 38 Jahren auf der Insel geltende Kriegsrecht aufgehoben, welches alle demokratischen Strukturen der Verfassung ad absurdum geführt hatte.


Die jahrzehntelange Phase des „weißen Terrors“ (beschreibt im Falle Taiwans die Unterdrückung von Regierungsgegnern und Oppositionellen, legalisiert durch das Kriegsrecht, das von 1949 bis 1987 andauerte) ist vorüber.


Aus der einst autoritär regierten Insel entsteht eine lebendige Demokratie. Freie Wahlen, ein funktionierendes Mehrparteiensystem und eine aktive Zivilgesellschaft prägen zunehmend das politische Bild. In dem von der britischen Zeitschrift „The Economist“ berechneten Demokratieindex liegt Taiwan 2024 auf Platz 12. Damit liegt der Inselstaat noch vor Ländern wie Deutschland und ist der demokratischste Staat Asiens. (Zum Vergleich: Die Volksrepublik China liegt auf Platz 145.)


Während Peking Taiwan weiterhin als abtrünnige Provinz sieht, die mit dem Festland vereinigt werden soll, lehnt heutzutage ein Großteil der taiwanesischen Bevölkerung Modelle wie „ein Land, zwei Systeme“ ab. Jene Entwicklung spiegelt sich auch in einer von Pew Research herausgegebenen Studie wider (rechts abgebildet), die aufzeigt, dass sich 67 % der Erwachsenen in Taiwan als vorwiegend taiwanesisch sehen. Unter den Jüngeren ist der Anteil sogar noch höher. Eine nicht militärische Vereinigung mit dem Festland ist somit unwahrscheinlicher denn je.


6. Taiwans wirtschaftliche Rolle


Heute ist Taiwan weit mehr als nur ein politischer Streitpunkt – es ist ein globaler Brennpunkt. Die Insel spielt eine Schlüsselrolle in der Weltwirtschaft. So ist Taiwan Weltmarktführer bei hochentwickelten Mikrochips. TSMC, der größte Hersteller des Landes, vereinte 2024 allein 64 % der globalen Umsätze in diesem Segment.


Bei den modernsten Sub-10-nm-Chips sind sogar 69 % der Produktion auf der Insel angesiedelt. Jene Chips sind sowohl für die zivile Nutzung, beispielsweise bei Smartphones, als auch für die militärische Nutzung, zum Beispiel bei Drohnen, unverzichtbar.

Sollte China Taiwan militärisch unter Druck setzen, würde es zu immensen negativen ökonomischen Folgen kommen. Obwohl diese schwer zu beziffern sind, geht eine viel zitierte Studie von Bloomberg Economics bei einer möglichen Seeblockade Taiwans von einem Rückgang der Weltwirtschaftsleistung um 5,0 % aus. Sollte es zu einem Krieg kommen, käme es zu noch katastrophaleren Folgen. Die Weltwirtschaftsleistung bräche um 10 Billionen US-Dollar ein. Dies entspricht in etwa 10 % der gesamten Weltwirtschaftsleistung. Um dies in Perspektive zu setzen: Durch die Corona-Krise ging die Weltwirtschaftsleistung nur um 5,9 % zurück.


Trotz jener ökonomischen Folgen – die sich vor allem auf China und Taiwan auswirken würden – hat sich die Lage in den letzten Jahren deutlich angespannt. China führt regelmäßig Manöver in der Nähe der Insel durch, schickt Kampfflugzeuge in Taiwans Luftraumüberwachungszone und demonstriert so seine Stärke. Gleichzeitig baut Taiwan seine Verteidigung aus und erhält Unterstützung – vor allem indirekt – von den USA und anderen westlichen Staaten.


Die sogenannte strategische Ambiguität besteht weiterhin: Die USA lassen bewusst offen, ob sie Taiwan im Ernstfall militärisch verteidigen würden.


Damit befindet sich die Situation in einem fragilen Gleichgewicht. Ein Gleichgewicht, das jederzeit kippen könnte – durch ein Missverständnis, eine politische Entscheidung oder eine militärische Eskalation.


Taiwan ist somit nicht nur eine Insel. Es ist ein Symbol für Demokratie im Schatten einer Großmacht, ein Knotenpunkt in der Weltwirtschaft und ein potenzieller Krisenherd, der wegen anderer geopolitischer Krisen oft in Vergessenheit gerät, denn Chinas Regierung ist immer noch auf Kurs. Der Präsident der Volksrepublik Xi Jinping sagte erst kürzlich in der Neujahrsrede für 2026, dass eine Vereinigung mit dem Inselstaat nicht aufhaltbar wäre. Wann genau diese passieren soll, lässt er, wie so viele Male, offen. Trotzdem wissen wir eine Sache über die Regierung der Volksrepublik ganz genau:


Die Volksrepublik spielt das lange Spiel – und sie lernt. Ukraine, Nahost, Venezuela sind für sie keine fernen Ereignisse, sondern geopolitische Experimente unter Realbedingungen.

Die entscheidende Variable ist nicht militärisch, sondern politisch: die Belastbarkeit des Westens. Wie einheitlich wird gehandelt? Wie hoch ist die Schmerzgrenze? Und wo beginnt die Bereitschaft, wegzuschauen? Gerade, wenn das Fundament von innen erodiert wird.


Wo Prinzipien selektiv gelten, verlieren sie ihre Kraft.


Und genau dort entscheidet sich, ob Taiwan ein Einzelfall bleibt – oder Teil eines größeren Musters wird.


Literaturverzeichnis:


Bundeszentrale für politische Bildung. (2023) Taiwans Weg zur Demokratie. https://www.bpb.de/themen/asien/china/44291/taiwans-weg-zur-demokratie-und-der-chinesische-herrschaftsanspruch/


Institut der Deutschen Wirtschaft. (2026).Friedensgarantie oder Risiko?. https://www.iwkoeln.de/studien/gero-kunath-friedensgarantie-oder-risiko.html


Harris, J. (2026). Warum diese Insel den dritten Weltkrieg auslösen könnte. https://www.youtube.com/watch?v=x-XdOaZPhBw


Pew Research Center. (2024) Most people in Taiwan see themselves as primarily Taiwanese; few say they’re primarily Chinese. https://www.pewresearch.org/short-reads/2024/01/16/most-people-in-taiwan-see-themselves-as-primarily-taiwanese-few-say-theyre-primarily-chinese/



Wikipedia. (2026) Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Bruttoinlandsprodukt


Wikipedia. (2025). Weißer Terror. https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fer_Terror

1 Kommentar


timo.pro
11. Mai

Sehr interessant und erklärend, selbst wenn man sich mit dem Thema nicht auskennt! Ist gut zusammengefasst.

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