Wenn wir nicht mitreden, entscheiden andere für uns
- Sinan Cicek
- vor 1 Tag
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Warum politisches Engagement für Jugendliche kein Extra, sondern demokratische Verantwortung ist
Politik im Alltag junger Menschen
[München, 14.06.2026] Viele Jugendliche verbinden Politik zunächst mit langen Debatten, komplizierten Gesetzen oder hitzigen Diskussionen in sozialen Medien. Oft entsteht der Eindruck, Politik sei etwas, das weit entfernt von der eigenen Lebenswelt stattfindet. Doch dieser Eindruck täuscht: Politik bestimmt, wie Schulen ausgestattet werden, welche Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, wie der öffentliche Nahverkehr ausgebaut wird und welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Zukunft prägen werden.
Wenn in diesem Artikel von jungen Menschen gesprochen wird, sind damit Personen im Alter von 16 bis 30 Jahren gemeint. Diese Altersgruppe wird auch von der Bertelsmann Stiftung als „junge Generation“ definiert (McDonnell et al., 2024). Gerade diese Menschen werden die Folgen heutiger politischer Entscheidungen besonders lange tragen. Deshalb stellt sich nicht die Frage, ob Politik junge Menschen betrifft, sondern vielmehr, welche Verantwortung sie selbst für die Gestaltung ihrer Zukunft übernehmen sollten.
Warum politisches Engagement wichtiger wird
Die vergangenen Jahre waren von zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt: Kriege, Klimakrise, steigende Lebenshaltungskosten und gesellschaftliche Spannungen beschäftigen Menschen aller Altersgruppen.
Besonders deutlich wird dies bei aktuellen politischen Debatten. Diskussionen über die Zukunft des BAföG entscheiden darüber, ob sich junge Menschen ein Studium leisten können. Auch die Finanzierung von Pflege und Rente betrifft die heutige Jugend, da sie die Sozialsysteme der Zukunft tragen muss. Die Debatte über eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht zeigt ebenfalls, wie unmittelbar politische Entscheidungen junge Menschen betreffen können.
Darüber hinaus wird immer wieder über Investitionen in Schulen, Universitäten und soziale Einrichtungen diskutiert. Werden in diesen Bereichen Mittel gekürzt, betrifft dies vor allem die junge Generation. Politische Entscheidungen über Bildung und Soziales sind deshalb immer auch Entscheidungen über die Zukunft junger Menschen.
Hinzu kommt die Frage der Generationengerechtigkeit. Ob Klimaschutz, Rentensystem, Staatsverschuldung oder Investitionen in Bildung – viele politische Entscheidungen entfalten ihre Wirkung erst über Jahrzehnte hinweg. Die Folgen dieser Entscheidungen werden vor allem diejenigen tragen, die heute jung sind (Beham & Berlin, 2026).
Jugendliche sind politischer als ihr Ruf
Häufig wird behauptet, Jugendliche seien unpolitisch. Aktuelle Studien zeichnen jedoch ein anderes Bild: Viele junge Menschen verfolgen politische Ereignisse aufmerksam und beschäftigen sich mit Themen wie Frieden, psychischer Gesundheit, Bildung, Klimaschutz oder sozialer Gerechtigkeit (McDonnell et al., 2024).
Besonders Bewegungen wie Fridays for Future haben gezeigt, dass junge Menschen bereit sind, sich öffentlich für ihre Überzeugungen einzusetzen. Soziale Medien ermöglichen es ihnen zudem, politische Informationen schnell zu verbreiten und Gleichgesinnte zu mobilisieren.
Warum viele trotzdem nicht aktiv werden
Trotz ihres politischen Interesses fühlen sich viele junge Menschen von politischen Entscheidungsträgern nicht ausreichend wahrgenommen. Zahlreiche Jugendliche haben den Eindruck, dass ihre Sorgen und Zukunftsängste in politischen Debatten nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Hinzu kommt das Gefühl politischer Machtlosigkeit. Viele junge Menschen zweifeln daran, dass ihr persönliches Engagement tatsächlich Veränderungen bewirken kann. Wenn politische Entscheidungen weit entfernt erscheinen und Erfolge nur langsam sichtbar werden, entsteht schnell der Eindruck, dass der eigene Einsatz bedeutungslos sei.
Junge Menschen können Politik beeinflussen
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass politisches Engagement durchaus Veränderungen bewirken kann. Ein bekanntes Beispiel ist die Klimabewegung Fridays for Future. Millionen junge Menschen machten weltweit auf die Klimakrise aufmerksam und sorgten dafür, dass das Thema stärker in den Mittelpunkt politischer Debatten rückte.
Auch die Proteste gegen Artikel 13 der EU-Urheberrechtsreform im Jahr 2019 zeigen den Einfluss junger Menschen. Hunderttausende demonstrierten gegen die geplanten Regelungen und beeinflussten die öffentliche Diskussion erheblich.
Ebenso beteiligten sich Anfang 2024 viele junge Menschen an Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und setzten damit ein deutliches Zeichen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diese Beispiele zeigen, dass politisches Engagement langfristig politische Entscheidungen und gesellschaftliche Debatten beeinflussen kann.
Wo junge Menschen für Politik sensibilisiert werden sollten
Politisches Engagement entsteht selten von allein. Besonders die Schule spielt dabei eine zentrale Rolle. Politikunterricht, Klassensprecherwahlen, Schülervertretungen und Jugendparlamente ermöglichen erste Erfahrungen mit Mitbestimmung und Verantwortung.
Auch die Familie hat einen großen Einfluss auf die politische Sozialisation junger Menschen. Gespräche über aktuelle Ereignisse, Wahlen oder gesellschaftliche Herausforderungen können das Interesse an Politik früh fördern.
Darüber hinaus prägen Vereine, Ehrenämter und Jugendorganisationen demokratische Kompetenzen. Nicht zuletzt spielen soziale Medien eine wichtige Rolle. Deshalb ist Medienkompetenz ein wichtiger Bestandteil politischer Bildung.
Je früher junge Menschen erfahren, dass ihre Stimme zählt und wie sie sich demokratisch einbringen können, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie sich später aktiv an politischen und gesellschaftlichen Prozessen beteiligen.
Warum Demokratie Beteiligung braucht
Demokratie lebt von der Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger. Der Philosoph John Rawls vertritt die Auffassung, dass eine gerechte Gesellschaft nur dann entstehen kann, wenn alle Menschen die Möglichkeit besitzen, ihre Interessen einzubringen (Rawls, 1993).
Auch Michael Walzer betont, dass Demokratie nicht allein durch staatliche Institutionen funktioniert. Vielmehr sind aktive Bürgerinnen und Bürger notwendig, die Verantwortung für ihre Gemeinschaft übernehmen (Walzer, 1992).
Der Politikwissenschaftler Ted Robert Gurr zeigt in seinem Werk Why Men Rebell, dass Menschen besonders dann unzufrieden werden, wenn sie das Gefühl haben, keinen Einfluss auf politische Entscheidungen zu besitzen (Gurr, 1970). Ähnlich argumentiert Barrington Moore, der politische Beteiligung als wichtigen Weg betrachtet, gesellschaftliche Missstände friedlich zu verändern (Moore, 1982).
Fazit
Politisches Engagement mag auf den ersten Blick wie zusätzliche Arbeit oder sogar wie unnötige Kopfschmerzen erscheinen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es ein wesentlicher Bestandteil jeder demokratischen Gesellschaft ist.
Gerade junge Menschen stehen heute vor Herausforderungen, deren Auswirkungen sie noch viele Jahrzehnte begleiten werden. Gleichzeitig besitzen sie die Möglichkeit, politische Entscheidungen mitzugestalten und ihre Interessen in gesellschaftliche Debatten einzubringen.
Letztlich gilt: Wer nicht mitredet, überlässt anderen die Entscheidung über die eigene Zukunft. Politisches Engagement ist deshalb kein freiwilliges Extra, sondern demokratische Verantwortung.
Literaturverzeichnis:
Beham, S., & Berlin, L. Z. B. B. A. (2026, 13. Juni). Reformdebatte: Hat Schwarz-Rot die Jugend noch im Blick? tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/inland/generationengerechtigkeit-104.html
Gurr, T. R. (1970). Why Men Rebell. Princeton University Press.
McDonnell, S., Döbele, C., Feldmann, D., Görtz, R. V., Bertelsmann Stiftung, Influence SG Research Advisors, & Verian. (2024). Junges Engagement für sozialen Wandel (R. J. Gajdacz, Hrsg.). Bertelsmann Stiftung. https://doi.org/10.11586/2024171
Moore, B. (1982). Ungerechtigkeit. Die sozialen Ursachen von Unterordnung und Widerstand. Suhrkamp.
Rawls, J. (1993). Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp.
Walzer, M. (1992). Sphären der Gerechtigkeit. Campus Verlag.


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