Soziale Medien als Gefahr für die Demokratie?
- Eleana Ikonomidis
- 22. Mai
- 6 Min. Lesezeit
[München, 22.05.2026] Soziale Medien und der Umgang mit ihnen bestimmen zunehmend den gesellschaftlichen Diskurs. Erste Länder wie Australien haben den Zugang für Kinder und Jugendliche bereits eingeschränkt und auch in Europa und Deutschland wird über solche Maßnahmen diskutiert. Dabei wird oft als Argument genommen, dass Soziale Medien eine Gefahr für die Demokratie darstellen würden. Dieser Artikel geht dieser Aussage anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen auf den Grund.
Zuerst wird eine empirische Studie betrachtet, die sich die Korrelation zwischen der Nutzung beziehungsweise der Verbreitung von Sozialen Medien anhand von Daten aus über 125 Ländern, welche die Penetration von Facebook in den einzelnen Ländern als Grundlage nehmen, und dem Level an Demokratisierung, namentlich den „Freedom House data“ und dem „civil liberties index“. (Jha/Kodila-Tedika 2020) Aus den Daten geht hervor, dass eine höhere Facebook-Penetration in direktem Zusammenhang mit einem höheren Grad der Demokratisierung steht. Dieser Effekt findet sich sogar noch verstärkt in Ländern mit einem niedrigen Durchschnittseinkommen. So führt durchschnittlich eine Erhöhung der Facebook-Penetration um 18 Prozentpunkte zu einer Erhöhung um 8 Punkte auf dem genutzten Demokratieindex, welcher die Länder auf einer Skala von 1-100 bewertet. (Jha/Kodila-Tedika 2020: 283-286) Die Autoren legen nahe, dass es sich vor allem für Länder mit einer niedrigen Social Media Verbreitung und/oder einem niedrigen Durchschnittseinkommen lohnt, in Infrastrukturverbesserungen bezüglich Sozialen Medien zu investieren, um die Demokratisierung voranzutreiben. Die Daten der Studie kommen jedoch in Bezug auf den Effekt von Ländern, die bereits eine sehr hohe Social Media Nutzung und ein hohes Level an Demokratisierung haben an ihre Grenzen.
Verschiedene Effekte von Sozialen Medien in einem solchen Umfeld werden bei Sunstein betrachtet. (Sunstein 2018) So wird zuerst erklärt, dass die zunehmende Personalisierung, also das Zuschneiden von Sozialen Medien auf jeden einzelnen Nutzer mithilfe von Algorithmen zu drei Problemen führt: Es verhindert, dass Bürger mit Themen konfrontiert werden, die sie selbst sich nicht ausgesucht haben, es kommt zu einem Rückgang der für die Gesellschaft wichtigen gemeinsamen Erfahrungen und es erschwert die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit. (Sunstein 2018: 85) Dies sind Folgen von sogenannten „Echokammern“, die bestimmte Meinungen durch ständige Wiederholung immer weiter verfestigen. Als Beleg liefert der Autor ein Experiment, in dem Probanden für Diskussionen zu verschiedenen Themen in kleine Gruppen, welche ausschließlich aus Personen bestanden, welche grundsätzlich die gleiche Meinung vertraten, aufgeteilt wurden. Die Ergebnisse zeigen ganz klar, dass alle Testpersonen ihre Meinungen verhärteten. (Sunstein 2018: 85-87) Der Autor konkludiert, dass diese Personifizierung zu Polarisierung führt, einem Effekt, der nachweislich langfristig schädlich für Demokratien ist.
Dieser Polarisierungseffekt tritt stärker auf, wenn Nutzer schon vorher eher extreme Ansichten haben. Zu den Nutzern, die politische Informationen auf Sozialen Medien konsumieren, forschte eine Gruppe von Politologen in Österreich. (Filzmaier et al. 2019) Ihre Studie kommt zu drei zentralen Ergebnissen. So ist die Wahrscheinlichkeit der politischen Social Media Nutzung höher, je politisch extremer die befragte Person ist. Dabei werden jedoch weder Angaben zu eventuellen Unterschieden auf einer gängigen Links-Rechts Skala gemacht, noch wird die Frage der Kausalität geklärt, also ob die Erhöhte politische Social Media Nutzung aus der politischen Extremität erfolgt, oder ob ursächlich die erhöhte politische Social Media Nutzung zu politischer Extremisierung führt. (Filzmaier et al. 2019: 8-9) Außerdem kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass ein erhöhter Konsum politischer Social Media Inhalte bei Personen zu finden ist, deren Vertrauen in traditionelle Medien niedrig ist, ein Punkt der zwar wenig überraschend wirken mag, jedoch Effekte wie Filterblasen oder Echokammern verstärken kann, da hier auch die Nutzung anderer Medien für politische Informationseinholung nicht vorhanden ist. Der dritte Befund ist, dass Befragte Nutzer, die Social Media viel für politische Zwecke nutzen, häufiges Angeben, bereits mit Fake News auf Sozialen Medien konfrontiert worden zu sein, als solche die Social Media für solche Zwecke wenig oder gar nicht verwenden. Dies lässt den Schluss zu, dass Personen die Soziale Medien für politische Inhalte nutzen, eine höhere Sensibilisierung für Falschinformationen haben, eine insgesamt stärkere politische Nutzung von Sozialen Medien in der Bevölkerung das Risiko von fake News also eher verringert als verstärkt.
Die nächste Studie identifiziert Faktoren von Sozialen Medien, welche die Demokratie stärken und solche, die sie schwächen. (Hunter 2023) Die Studie nutzt daten aus 158 Ländern. In Einklang mit der Studie zu Beginn, stellt der Autor fest, dass generell eine höhere Nutzung Sozialer Medien einen positiven Effekt auf Demokratien hat. (Vgl. Jha/Kodila-Tedika 2020) Er konkretisiert das weiter, indem die Studie feststellt, dass vor allem eine diverse politische Landschaft auf sozialen Medien förderlich für die Demokratie sind. Je mehr politische Positionen auf Sozialen Medien dargestellt werden, desto höher ist das Demokratielevel. Dies gilt auch für politische Parteien und Kampagnen. Eine höhere Social Media Präsenz verschiedener Parteien führt zu dem gleichen Effekt. Die Studie findet aber auch besonders drei Punkte, die die Demokratie beschädigen. So sind vor allem Falschinformationen auf Sozialen Medien ein Problem. Ob man dieser Gefahr jedoch durch eine generelle Erhöhung der politischen Social Media Nutzung verringern kann, wie die österreichische Studie nahelegt, wird in dieser Untersuchung nicht behandelt. (Vgl. Filzmaier et al. 2019) Auch politische Polarisation identifiziert die Studie als Problematisch, genau wie bereits Sunstein. (Vgl. Sunstein 2018) Der letzte Punkt stellt dar, wie politische Social Media Nutzung auch zu realweltlichen Problemen führen kann. So findet der Autor einen Zusammenhang zwischen einer höheren Social Media Nutzung und politischer Gewalt. Eine Abschließende Analyse kommt zu dem Schluss, dass besonders von Regierung und politischen Parteien auf Sozialen Medien gestreute Falschinformationen die Demokratie beschädigen. (Hunter 2023: 1052-1055)
Ein gänzlich anderer Punkt der Demokratiegefährdung durch Soziale Medien ist bei Kahl zu finden. (Kahl 2018) Er beschäftigt sich mit der Sammlung, Verbreitung und Nutzung persönlicher Daten auf Sozialen Medien. Dabei identifiziert er zwei völlig unterschiedliche Probleme. Zuerst die Problematik der Personalisierung durch immer mehr und bessere Nutzerdaten, was zu den schon behandelten Problemen der Polarisierung führt. (Vgl. Hunter 2023; Sunstein 2018) Als weiteres Problem stellt der Autor die Eingriffe in die persönlichen und bürgerlichen Rechte dar, die durch sie Sammlung solcher Daten entstehen. So können solche gesammelten Daten etwa durch den Staat missbraucht werden.
Am Beispiel der Wahlen in Fiji untersucht eine andere Studie die Nutzung Sozialer Medien im Wahlkampf. (Tarai 2023) Dabei werden drei Trends festgehalten. Die Nutzung Sozialer Medien für Wahlkampfzwecke erhöht sich im Zeitverlauf immer weiter und alle Parteien nutzen diese. Außerdem wurde die anfängliche Dominanz einer Partei auf Sozialen Medien gebrochen. Dies sind alles Punkte, die in Hunters Studie als förderlich für die Demokratie dargestellt wurden. (Vgl. Hunter 2023) Außerdem führt das Aufkommen immer neuer Social Media Formate zu einer starken Diversifizierung der Social Media Wahlkampfstrategien. Die Auswirkungen hiervon wurden allerdings noch nicht untersucht, es wurde nur festgestellt das es von den Politikern fordert, sich weniger formal und seriös zu präsentieren.
Abschließend wird noch ein Artikel vorgestellt, welcher sich mit Regulierungsstrategien für Soziale Median auseinandersetzt. (Nyabola 2023) Es wird festgestellt, dass Soziale Medien sowohl positive als auch negative Effekte auf Demokratien haben. (Vgl. Hunter 2023) Der Autor nennt ein Social Media Konzept, welches im öffentlichen Interesse geführt wird, als ideal für die Stärkung der Demokratie. Das dieses Konzept jedoch nicht national umgesetzt werden kann, begründet der Autor damit, dass bereits vorhandene Regulationen in den USA und der EU zu negativen Effekten für alle geführt haben, welche sich außerhalb dieser Regularien befinden. So sieht er es als Problem, dass manche Länder den Profit der in ihrem Land gemeldeten Social Media Plattformen schützen wollen, während andere nur die negativen Effekte zu spüren bekommen. Abgesehen von diesen grundsätzlichen Empfehlungen wird jedoch kein konkreter Lösungsvorschlag gebracht.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass eine hohe Social Media Nutzung und eine hohe Diversität an sowohl verschiedenen Formaten als auch an politischer Partizipation und politischer Meinungsdarstellung positive Effekte für die Demokratie nach sich ziehen. Das diese auch immer weiter Fortschreiten konnte der Leser am Beispiel von Fiji sehen. Doch Social Media bringt auch Gefahren für die Demokratie mit sich, insbesondere in Ländern mit einem hohen Level an Demokratie und politischer Social Media Nutzung. So ist besonders die Erhöhung der politischen Personalisierung und Extremisierung problematisch, die sogar in reale Gewalt umschlagen kann. Auch die gezielte Verbreitung von Falschinformationen ist schädlich für die Demokratie, obwohl auch nahegelegt wird, dass ein höherer politischer Social Media Konsum zu einer Sensibilisierung im Umgang mit Falschinformationen führt. Weiter ist die Sammlung immer größerer Mengen an persönlichen Daten persönlichkeits- und bürgerrechtlich problematisch. Abschließend wurden noch einige Lösungsimpulse betrachten, im Besonderen, dass eine Regulierung von Sozialen Medien gezielt im öffentlichen Interesse erfolgen muss und das diese auf einer internationalen Ebene erfolgen muss.
Literatur:
Filzmaier, Peter/Ingruber, Daniela/Perlot, Flooh/Praprotnik, Katrin 2019: Soziale Medien als politischer Informationskanal, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 48: 1, 1-17.
Hunter, Lance Y. 2023: Social media, disinformation, and democracy: how different types of social media usage affect democracy cross-nationally, in: Democratization 30: 6, 1040-1072.
Jha, Chandan Kumar/Kodila-Tedika, Oasis 2020: Does social media promote democracy? Some empirical evidence, in: Journal of Policy Modelling 42: 271-290.
Kahl, Martin 2018: Big Data-Revolution, Überwachung und soziale Medien: Gefahr für die Demokratie?, in: Sozialpolitik.ch 2018: 1, 1-28.
Nyabola, Nanjala 2023: Seeing the forest – and the trees: The global challenge of regulating social media for democracy, in: South African Journal of International Affairs 30: 3, 455-471.
Sunstein, Cass 2018: Is Social Media Good or Bad for Democracy?, in: Sur - International journal on human rights 27: 83-89.
Tarai, Jope 2023: Social media and democracy: The Fiji 2022 national Election, in: Pacific Journalism Review 29: 1 & 2, 96-112.



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