Was kann ich schon ändern? — Ohnmacht, Selbstwirksamkeit und politische Teilhabe
Viele Menschen fühlen sich von Krisen umzingelt und glauben, politisch nichts bewirken zu können. Dieses Gefühl — Ohnmacht, oder politische Deprivation — ist nicht nur psychologisch folgenreich, sondern ein demokratisches Risiko. Ein Artikel der ZEIT (40/2026) beleuchtet das Phänomen. Der PolitikKompass arbeitet die Kernthesen aus, ergänzt sie um psychologische Theorien, politikwissenschaftliche Perspektiven und fragt: Was bedeutet Selbstwirksamkeit konkret für Schülerinnen und Schüler?
Basiert auf: Schmitt, S. & Schnabel, U. (2026, 20. September). Ohnmacht: Was kann ich schon ändern? DIE ZEIT, Nr. 40/2026.
Der Ausgangsbefund: Ein Gefühl lähmt die Demokratie
Leonie, 19 Jahre, demonstriert an einem Samstag in Magdeburg gegen Rechtsextremismus. Danach sagt sie einer ZEIT-Reporterin: "Ich weiß nicht, ob das überhaupt irgendwas bringt oder irgendwas ändert." (Schmitt & Schnabel, 2026, S. 1). Dieser Satz ist keine Ausnahme. Er ist, wie die Autoren formulieren, zur "Grundmelodie unserer verunsicherten Gesellschaft" geworden — und er klingt nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Demokratien weltweit.
Das Gefühl der Vergeblichkeit hat dabei eine bemerkenswerte soziale Reichweite: Es erfasst nicht nur Bürgerinnen und Bürger, sondern reicht bis in die Sphären der Macht. Robert Peters, Direktor des Instituts für Innovation und Technik und Berater von Ministerien, Parteien und Behörden, berichtet von »ohnmächtigem Schulterzucken« sogar bei Kabinettsmitgliedern: "Die Dinge bewegen sich, aber ohne mich", habe ein Regierungsmitglied zu ihm gesagt. Ein leitender Beamter der früheren Bundesregierung: "Da müsste man eigentlich mal ran …" (Schmitt & Schnabel, 2026).
Peters diagnostiziert eine "kollektive Selbstwirksamkeitskrise": Das Vertrauen politischer Akteure in ihre eigene Steuerungsfähigkeit sei so niedrig wie selten zuvor (Peters, 2025). Mit der neuen Regierung habe sich dieses Gefühl noch verstärkt. Inzwischen fielen Sätze wie: "Ein Weiter so‹ kann es nicht geben. Aber uns fehlen die Mehrheiten." Peters kommentiert trocken: "Das soll entschlossen klingen. Im Grunde ist es aber eine Kapitulationserklärung." (Schmitt & Schnabel, 2026).
Vier Ursachen für das Gefühl der Vergeblichkeit
Schmitt und Schnabel benennen vier Hauptgründe für den Eindruck, politisch nichts ausrichten zu können:
1. Die Übermacht multinationaler Konzerne, die nationalstaatliche Regulierung unterläuft.
2. Das Ausmaß globaler Krisen: Klimawandel, Kriege, Wirtschaftskrisen.
3. Lähmende Sachzwänge und bürokratische Regulierungen.
4. Das Tempo technischer Umbrüche — insbesondere der Künstlichen Intelligenz, deren Entwickler en passant die Auslöschung der Menschheit in den Raum stellen (Schmitt & Schnabel, 2026).
Zusammen bilden diese Faktoren das, was die Autoren die "Ohnmachtsfalle" nennen: Jede Einzelmaßnahme erscheint lächerlich klein angesichts der Größe der Probleme — und wer sein Tun als sinnlos erlebt, tut am Ende nicht einmal mehr das, was möglich wäre (Schmitt & Schnabel, 2026).
Empirische Befunde: Politische Deprivation in Zahlen
Die soziologische Fachsprache nennt das Gefühl des "Nichts-bewirken-Könnens" politische Deprivation. Es ist weitverbreitet:
85 % der Deutschen glauben, Politikerinnen und Politiker bemühen sich nicht um Kontakt zur Bevölkerung. (Uni Konstanz, 2025)
72 % "Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut." (Uni Leipzig, 2024)
ca. 67 % hielten es "für sinnlos, sich politisch zu engagieren". (Uni Leipzig, 2024)
37 von 38 OECD-Staaten: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sagt, politisch nicht wirkmächtig zu sein. (OECD, 2026)
Diese Zahlen zeigen: Ohnmacht ist kein Randphänomen, sondern eine demokratische Strukturkrise.
Psychologie der Lähmung: Warum uns die Größe von Problemen lähmt
Um zu verstehen, warum so viele Menschen trotz des Bewusstseins für politische Probleme handlungsunfähig bleiben, lohnt ein Blick in die Psychologie. Drei Konzepte erklären die Mechanismen besonders präzise.
A) Psychological Numbing: Je größer das Problem, desto weniger handeln Menschen
Der Stanford-Psychologe David Fetherstonhaugh legte schon vor 30 Jahren den Grundstein für das Verständnis eines paradoxen Phänomens. In einem Experiment fragte er Probanden, ob sie bereit wären, durch eine Geldspende das Leben von Flüchtlingen zu retten. Einer Hälfte sagte er, es gehe um die Rettung von 1.500 von 5.000 Personen; der anderen Hälfte, es seien 1.500 von 10.000. Obwohl die Zahl der Geretteten identisch war, spendeten aus der ersten Gruppe deutlich mehr Menschen — weil sich ihr Beitrag »bedeutsamer« angefühlt habe (Fetherstonhaugh et al., 1997).
Dieses Phänomen — psychological numbing — macht mental benommen: Globale Katastrophen wie der Klimawandel oder Millionen von Geflüchteten lähmen die Handlungsbereitschaft gerade weil sie so groß sind. Das Gehirn ist auf überschaubare, unmittelbare Gefahren ausgerichtet — abstrakte Mega-Probleme lösen dagegen Taubheit aus, nicht Mobilisierung.
B) Erlernte Hilflosigkeit (Martin Seligman & Steven Maier, 1967/1975)
THEORIE | Erlernte Hilflosigkeit
Martin Seligman und Steven Maier entdeckten das Konzept der erlernten Hilflosigkeit (learned helplessness) in Tierversuchen: Hunde, die wiederholten Stromstößen ausgesetzt waren, gegen die sie nichts tun konnten, hörten auch dann auf, Ausweichversuche zu unternehmen, als eine Flucht möglich geworden war. Sie hatten gelernt, dass ihr Handeln keine Wirkung hat — und übertrugen diese Erfahrung auf neue Situationen.
Seligman übertrug das Konzept auf Menschen (1975): Wer wiederholt erlebt, dass sein Handeln wirkungslos bleibt, entwickelt eine stabile Überzeugung der eigenen Wirkungslosigkeit — auch dann, wenn die Situation sich verändert hat.
Quelle: Seligman, M. E. P. & Maier, S. F. (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74(1), 1–23.
Auf die politische Sphäre übertragen: Jahrelange Erfahrungen, dass Wahlversprechen nicht eingehalten werden, dass Bürgeranliegen im Berliner Politikbetrieb versanden, dass Demonstrationen keine sichtbare Wirkung zeitigen — all das konditioniert Passivität. Man hört auf zu handeln, nicht weil man es nicht könnte, sondern weil man gelernt hat, dass es nichts nützt.
C) Locus of Control (Julian Rotter, 1966)
THEORIE | Locus of Control
Julian Rotter entwickelte 1966 das Konzept des Locus of Control (Kontrollüberzeugung): die Überzeugung, ob das eigene Leben durch die eigenen Handlungen kontrolliert wird (intern) oder durch äußere Faktoren wie Glück, Schicksal oder mächtige andere (extern).
Interner LoC: »Wenn ich mich engagiere, kann ich etwas verändern.«
Externer LoC: »Egal was ich tue — die da oben entscheiden sowieso.«
Befunde: Menschen mit externem LoC sind politisch signifikant inaktiver und anfälliger für autoritäre Versprechen. Sie suchen eine externe, mächtige Instanz, die das Steuer übernimmt.
Verbindung zur Gegenwart: Populistische Bewegungen — von der AfD bis zu Trump — verstärken strategisch den externen LoC: Alles ist außer Kontrolle geraten, nur wir können es wieder in Ordnung bringen.
Ohnmacht als politisches Risiko: Von der Lähmung zur Radikalisierung
Die individuell erlebte Ohnmacht hat kollektive politische Folgen — und sie sind gefährlich. Matthias Quent, Soziologe an der Universität Jena, formuliert es direkt: "Wenn die Bürger das Vertrauen verlieren, selbst etwas bewirken zu können, entsteht eine Leere. Die Ohnmacht wirkt dann als Nährboden für autoritäre Radikalisierung." (Schmitt & Schnabel, 2026).
Quents Forschung (2025) zeigt: Rund 29 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören zur Gruppe der "Ohnmächtigen" — Menschen, die statistisch gesehen eher einsam sind, ein geringeres Bildungsniveau haben und ein niedrigeres Einkommen. Diese Gruppe habe "weder in der Schule noch auf der Arbeit oder sonst irgendwo die Erfahrung gemacht, gehört zu werden oder mitgestalten zu können" (Schmitt & Schnabel, 2026). Für sie gilt: Wer sich selbst als machtlos erlebt, tendiert dazu, Parteien zu wählen, die Handlungsfähigkeit — auch auf Kosten demokratischer Normen — versprechen. Nach dem Motto: Die tun wenigstens etwas.
Das Paradox: Populismus ablehnen, aber eine starke Hand wollen
Eine Umfrage der Körber-Stiftung (2024) belegt ein bemerkenswertes Paradox:
60 % der Deutschen wollen Politiker "mit mehr Macht und Durchsetzungswillen".
69 % sehen Populismus als Gefahr für die Demokratie.
Wie passt das zusammen? Quent erklärt: Angesichts der Komplexität der Probleme glauben viele, "im Großen nichts ausrichten zu können — weshalb sie dann nicht einmal im Kleinen etwas tun«. Autoritäre Akteure punkten dagegen durch »performative Handlungsfähigkeit": Sie bieten symbolische Lösungen an — simple Erzählungen, klare Feindbilder, das Versprechen der Kontrolle (Schmitt & Schnabel, 2026).
Die AfD und das Prinzip der kollektiven Wirksamkeit
ANALYSE | Das "Wir" der AfD (Hillje, 2022)
Der Kommunikationsforscher Johannes Hillje hat untersucht, wie die AfD das Gefühl kollektiver Wirksamkeit strategisch einsetzt. Kernbefund: Für potenzielle Wählerinnen und Wähler ist das Gefühl von Gemeinschaft oft wichtiger als die politische Programmatik.
Die AfD setzt dabei auf vier Instrumente:
1. Wir-Formulierungen, die Zugehörigkeit herstellen
2. Vor-Ort-Präsenz als "Kümmerer" — physische, lokale Verbundenheit
3. Emotionale Identifikationsangebote ("Heimat", "Volk")
4. Gemeinschaftsbilder, die das Gefühl kollektiver Stärke erzeugen — ohne konkrete Problemlösungen zu bieten.
Das Gegengift kann also nicht sein, Ohnmacht zu ignorieren oder moralisch zu verurteilen. Es muss darin bestehen, reale Erfahrungen kollektiver und individueller Wirksamkeit zu ermöglichen — in Schulen, Kommunen und demokratischen Institutionen.
Hannah Arendts Machtbegriff: Demokratische Alternative
POLITIKTHEORIE | Hannah Arendt: Macht als kollektives Handeln
Hannah Arendt (1970) unterscheidet in "Macht und Gewalt" grundlegend: Macht ist für sie keine Eigenschaft, die jemand besitzt, sondern entsteht ausschließlich im gemeinsamen Handeln von Menschen.
»Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.«
Schlussfolgerung: Wer sich ohnmächtig fühlt, hat nicht zu wenig Stärke — sondern ist allein. Kollektive Wirksamkeit, nicht Unterwerfung unter einen starken Führer, ist der demokratische Weg aus der Ohnmacht.
Quelle: Arendt, H. (1970). Macht und Gewalt. Piper.
Das Gegengift: Selbstwirksamkeit — Theorie und Praxis
Wenn Ohnmacht das Problem ist, was ist dann die Lösung? Sowohl Matthias Quent als auch der Politikberater Robert Peters und die Autoren des ZEIT-Artikels kommen zur gleichen Antwort: die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Aber was genau bedeutet das?
Albert Bandura: Vier Quellen der Selbstwirksamkeit
THEORIE | Selbstwirksamkeit (Bandura, 1977/1997)
Albert Bandura definiert Selbstwirksamkeit (self-efficacy) als die Überzeugung, in bestimmten Situationen die notwendigen Handlungen erfolgreich ausführen zu können, um ein angestrebtes Ergebnis zu erreichen (Bandura, 1997, S. 3).
In seinem berühmten Schlangen-Experiment (1977) zeigte Bandura: Menschen mit extremer Schlangenphobie konnten, wenn man sie schrittweise heranführte — erst Beobachten, dann Glas, dann Handschuhe, dann bloße Hand —, am Ende die Schlange angstfrei berühren. Nicht durch Überzeugungskraft, sondern durch Erfolgserlebnisse.
Die vier Quellen der Selbstwirksamkeit nach Bandura:
1. Eigene Erfolgserlebnisse (mastery experiences) — stärkste Quelle: Ich habe es geschafft, also kann ich es wieder schaffen.
2. Stellvertretende Erfahrungen (vicarious learning) — Vorbilder beobachten: »Wenn die das kann, kann ich das auch.«
3. Soziale Überzeugung (verbal persuasion) — Ermutigung durch andere, die an einen glauben.
4. Physiologische Zustände richtig interpretieren: Nervosität vor einer Rede als »Ich bin aufgeregt« deuten, nicht als »Ich kann das nicht«.
Der Trick, so Schmitt und Schnabel, besteht darin, "ein unerreichbar erscheinendes Ziel in viele kleine Schritte zu zerlegen. Denn wer erlebt, dass der erste Schritt gelingt, bekommt die Kraft zu einem zweiten, größeren." (2026). Robert Peters überträgt das direkt auf Politik: "Wie bei einem Spiel verändert jeder Zug auch die Möglichkeiten der anderen." (Schmitt & Schnabel, 2026).
Kollektive Wirksamkeit als demokratische Erfahrung
Quent ergänzt die individualpsychologische Perspektive um eine soziale Dimension: Wer sich als Teil einer Gemeinschaft wahrnimmt, erlebt eine "Potenzierung des eigenen Handelns — die dann wirklich etwas verändert in der Welt" (Schmitt & Schnabel, 2026). Das 2015er-Beispiel der Flüchtlingswelle macht das anschaulich: "Da haben einfach viele Menschen kleine Schritte gemacht. Eine Bäckerin aus der Nachbarschaft hat Brötchen gebacken, andere sind zum Bahnhof gefahren. Da ist etwas Gemeinsames entstanden, ohne großen Plan oder politischen Anspruch. Das sind die Momente, in denen Hoffnung entsteht." (Quent, zit. n. Schmitt & Schnabel, 2026).
Die OECD (2026) fordert daher »anhaltendere und inklusivere Formen der Beteiligung«. Als Beispiel nennt der ZEIT-Artikel die Berlin Governance Platform von Gesine Schwan: Kommunale Entwicklungsbeiräte in denen 30 bis 40 Bürgerinnen und Bürger an vier Wochenenden gemeinsam um Konsens ringen. "Für viele war es das Anstrengendste, was sie je gemacht haben — aber es hat sich gelohnt." (Schwan, zit. n. Schmitt & Schnabel, 2026). 2026 starteten vier neue Beiräte in Bremerhaven, Hanau, Oldenburg und Radevormwald.
Robert Putnam: Soziales Kapital als Voraussetzung
THEORIE | Soziales Kapital (Putnam, 2000)
Robert Putnam beschreibt in "Bowling Alone" (2000) den Rückgang sozialer Bindungen in westlichen Gesellschaften als einen der tiefgreifendsten Trends der letzten Jahrzehnte. Soziales Kapital — Netzwerke, Vertrauen, gegenseitige Normen — ist die Infrastruktur, auf der kollektive Wirksamkeit aufbaut.
Wo soziales Kapital fehlt (Vereinzelung, Wegfall von Vereinen, lokalen Treffpunkten, Gemeinschaftsorten), fehlt auch die Voraussetzung für kollektive Wirksamkeit. Quent empfiehlt deshalb: gezielt Begegnungsräume schaffen — Plauderbänke, Repair-Cafés, lokale Bürgertreffs.
Quelle: Putnam, R. D. (2000). Bowling alone: The collapse and revival of American community. Simon & Schuster.
Selbstwirksamkeit für Jugendliche: Was sagen Forschung und Praxis?
Was bedeuten diese Erkenntnisse für Schülerinnen und Schüler konkret? Das Thema ist besonders relevant, denn politische Deprivation beginnt früh — und lässt sich, wie Banduras Theorie zeigt, durch gezielte Erfahrungen verändern.
Was sagen die Studien?
BEFUND | Shell Jugendstudie 2024
Nur 38 % der befragten Jugendlichen glauben, politisch etwas bewegen zu können.
Gleichzeitig: 67 % wären bereit, sich gesellschaftlich zu engagieren — wenn sie das Gefühl haben, gehört zu werden.
Fazit: Es fehlt nicht an Bereitschaft, sondern an Erfahrungsräumen, in denen Engagement tatsächlich etwas bewirkt. (Shell Deutschland, 2024)
BEFUND | ICCS 2022 (Internationale Civic Education-Studie)
Deutsche Schülerinnen und Schüler liegen beim politischen Wissen über dem OECD-Durchschnitt.
Bei der Bereitschaft zur politischen Beteiligung liegen sie jedoch deutlich darunter.
Dieses Muster heißt "Wissen-Handlungs-Kluft": Man weiß viel — aber glaubt nicht, dass es etwas bringt. Genau das ist der Ohnmachtseffekt. (IEA, 2022)
Handlungsmöglichkeiten nach Ebene
Ebene | Beispiel | Wirkungslogik |
Klasse / Kurs | Klassenrat, Projekttage, Unterrichtsgestaltung | Direkte, sichtbare Mitgestaltung |
Schule | Schülervertretung (SV), Schulkonferenz, Schülerhaushalt | Institutionelle Mitsprache |
Kommune | Jugendparlamente, Jugendbeiräte, kommunale Beteiligung | Politische Beteiligung vor Ort |
Zivilgesellschaft | Fridays for Future, Repair-Café, Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe | Kollektive Wirksamkeit erleben |
Digital | Petitionen, Online-Mobilisierung, Social-Media-Kampagnen | Reichweite — aber Risiken (s.u.) |
Drei Beispiele, die funktionieren
Fridays for Future als Selbstwirksamkeitserfahrung. Was 2018 mit einer Schülerin und einem Schild begann, wurde zur globalen Klimabewegung. Luisa Neubauer beschreibt rückblickend, dass nicht das politische Programm am Anfang stand, sondern das Gefühl: "Wir tun etwas, und es wird gesehen." Studien belegen, dass die politische Partizipation bei unter-25-Jährigen zwischen 2018 und 2020 deutlich anstieg — genau als FFF ihren Höhepunkt hatte (Statistisches Bundesamt, 2021). Das entspricht exakt Banduras erstem Quell: eigene Erfolgserlebnisse.
Jugendparlamente in Deutschland. Über 500 Jugendparlamente gibt es bundesweit (Bundesjugendring, 2024). In Kommunen mit aktiven Jugendparlamenten ist die Wahlbeteiligung unter Erstwählerinnen und Erstwählern im Schnitt sieben Prozentpunkte höher als in Kommunen ohne (Bundesjugendring, 2024). Selbstwirksamkeit — konkret erlebt, vor Ort — überträgt sich auf politisches Engagement.
Schülervertretung und politische Sozialisation. Eine Längsschnittstudie der Universität Tübingen (2023) zeigt: Schülerinnen und Schüler, die in der SV aktiv waren, haben im Erwachsenenalter signifikant höhere politische Selbstwirksamkeit — unabhängig von Bildungsabschluss und Herkunft. Die Erfahrung, in der Schule etwas bewegt zu haben, wirkt langfristig.
Die Gefahr: Slacktivism statt Wirksamkeit
KRITISCHE PERSPEKTIVE | Slacktivism (Kristofferson et al., 2014)
Kristofferson et al. (2014) wiesen in einer vielbeachteten Studie nach: Öffentlich sichtbare, kleine symbolische Handlungen — ein Like, eine Petition teilen, einen Hashtag verwenden — erzeugen zwar das Gefühl, etwas getan zu haben.
Aber: Menschen, die sich bereits durch einen kleinen Token-Akt »engagiert« haben, sind in der Folge weniger bereit zu größerem, konkretem Engagement. Das Gegenteil von Selbstwirksamkeit: Das Gefühl des Beitrags ohne reale Wirkung.
Der Unterschied liegt in der Sichtbarkeit der Wirkung: Beim Repair-Café sieht man das reparierte Gerät. Beim Klassenrat sieht man die veränderte Schulregel. Bei der Petition für ein globales Klimaabkommen bleibt die Wirkung abstrakt — und damit psychologisch wirkungslos im Sinne Banduras.
Demokratie als Erfahrung: Ein anderes Verständnis von Politik
Alle bisherigen Erkenntnisse führen zu einer Einsicht, die grundlegend ist: Demokratie ist keine abstrakte Staatsform, die man kognitiverweise versteht — sie ist eine Erfahrung, die man machen muss.
Das klingt banal. Aber es hat weitreichende Konsequenzen. Wenn 85 Prozent der Deutschen glauben, die Politik interessiere sich nicht für sie — dann liegt das Problem nicht nur am Inhalt der Politik. Es liegt daran, dass die meisten Menschen keine Situation kennen, in der ihr politisches Handeln sichtbar etwas bewirkt hat. Quent: "Politische Selbstwirksamkeit muss konkret erlebt werden, vor Ort, mit eigenen Augen." (Schmitt & Schnabel, 2026).
Paulo Freire: Bewusstsein als erster Schritt
POLITISCHE BILDUNGSTHEORIE | Paulo Freire: Conscientização (1970)
Paulo Freire, brasilianischer Pädagoge und Autor der "Pädagogik der Unterdrückten" (1970), entwickelte das Konzept der Conscientização — der kritischen Bewusstwerdung: der Prozess, durch den Menschen erkennen, dass ihre Ohnmacht kein natürlicher Zustand ist, sondern produziert wird und verändert werden kann.
Für Freire ist politische Bildung kein Informationstransfer ("Bankiers-Erziehung"), sondern ein dialogischer Prozess, der Menschen befähigt, ihre Situation zu analysieren und zu verändern. Ohnmacht ist keine persönliche Schwäche, sondern ein Produkt von Strukturen — und Bewusstsein darüber ist der erste Schritt zur Überwindung.
Konsequenz: Politische Bildung in der Schule sollte nicht nur erklären, wie Demokratie funktioniert — sondern Schülerinnen und Schüler ermächtigen (empower), ihre Rolle in ihr aktiv zu gestalten.
Auch die OECD zieht dieselbe Schlussfolgerung: Um der politischen Deprivation entgegenzuwirken, braucht es nicht mehr Information, sondern "anhaltendere und inklusivere Formen der Beteiligung" (OECD, 2026). Kommunale Entwicklungsbeiräte wie die der Berlin Governance Platform sind ein institutionelles Modell dafür — und das Prinzip lässt sich auf Schulen, Jugendzentren und Stadtquartiere übertragen.
Matthias Quent empfiehlt konkret: Amtsträgerinnen und Amtsträger — Bürgermeister, Stadträtinnen, Abgeordnete — sollen die Schwelle für das direkte Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern so weit senken wie möglich. "Weniger Zeit im Berliner Politbetrieb, mehr daheim. Die Präsenz im eigenen Wahlkreis ist oft wichtiger." (Schmitt & Schnabel, 2026). Dasselbe gilt für Schulen: Weniger Frontalunterricht über Demokratie — mehr demokratische Praxis in ihr.
QLiteraturverzeichnis
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Bundesjugendring. (2024). Jugendbeteiligung in Deutschland — Zahlen und Fakten. Bundesjugendring.
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Kristofferson, K., White, K., & Peloza, J. (2014). The nature of slacktivism: How the social observability of an initial act of token support affects subsequent prosocial action. Journal of Consumer Research, 40(6), 1149–1166. https://doi.org/10.1086/674137
OECD. (2026). OECD Survey on Drivers of Trust in Public Institutions — 2026 Results. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/9eb63fec-en
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Rotter, J. B. (1966). Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement. Psychological Monographs, 80(1), 1–28. https://doi.org/10.1037/h0092976
Schmitt, S., & Schnabel, U. (2026, 20. September). Ohnmacht: Was kann ich schon ändern? DIE ZEIT, Nr. 40/2026. https://www.zeit.de/2026/40/ohnmacht-selbstwirksamkeit-demokratie
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