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Warum wir kostenlos für Meta arbeiten 

Eva-Maria Späth
18. Juli
5 Min. Lesezeit

[München, 18.07.2026] Die meisten Kinder bekommen mit 10 Jahren ihr eigenes Smartphone – zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Digitalverbandes Bitkom. Dies steht im starken Kontrast zu Expertenempfehlungen. So raten diese, Heranwachsenden ein eigenes Smartphone erst ab 12 Jahren zu überlassen, da es jüngeren Kindern im Regelfall an ausreichend Medienkompetenz mangelt und auch das Suchtrisiko durch die unendlichen Möglichkeiten des Internets drastisch erhöht wird.


Jene Ausführungen manifestieren sich darin, dass ca. 25 % aller 10- bis 17-Jährigen einen riskanten oder krankhaften Umgang mit Social Media (Def.: digitale Medienangebote, die Kommunikation sowie den Austausch von Informationen zwischen Menschen und Organisationen ermöglichen und es insbesondere erlauben, soziale Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen) aufweisen. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) klassifiziert inzwischen sogar verschiedene medienbezogene Störungen offiziell als Krankheitsbild.


Aber auch wenn man von jener „krankhaften Nutzung“ absieht und nur von der durchschnittlichen Social-Media-Nutzungszeit eines deutschen Jugendlichen ausgeht, kann man wohl kaum von einem gesunden Konsum sprechen. 157 Minuten täglich. So viel Zeit verbringt ein Jugendlicher in Deutschland im Schnitt täglich in den sozialen Medien.

Geht man davon aus, dass eine Person mit 10 Jahren ihr Handy bekommt, 81 Jahre alt wird (durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland) und diese Nutzungszeit ihr ganzes Leben beibehält, wären das:  4.070.198 Minuten oder 7,74 Jahre über das ganze Leben aufsummiert. Und wir reden hier nur von der Nutzungszeit auf Social Media, nicht der gesamten.


Um dies in einen Vergleich zu setzen: Ein Deutscher verbringt statistisch gesehen 8,56 volle Lebensjahre rein mit Arbeiten.


Betrachtet man jenen Sachverhalt auf einer ökonomischen Ebene, wird deutlich, dass zum einen die theoretische Produktivität, die während der intensiven Nutzungszeit verloren geht, sowohl für das Individuum als auch für die Gesamtwirtschaft einen erheblichen Verlust darstellt. Gleichzeitig ist dieser Verlust nur bedingt eindeutig, da Unternehmen aus unserer Nutzung indirekt wirtschaftlichen Profit ziehen, während wir für die dabei entstehende Wertschöpfung unserer Aufmerksamkeit und Aktivität in der Regel nicht entlohnt werden. Aus marxistischer Perspektive könnte die Monetarisierung menschlicher Aufmerksamkeit als eine Ausweitung kapitalistischer Verwertungslogik auf bislang nicht ökonomisierte Bereiche des Lebens interpretiert werden. Zunächst gilt es jedoch zu klären, wie Großkonzerne überhaupt indirekt Profit aus unserem Nutzungsverhalten ziehen.


X, Meta, TikTok (Mutterkonzern: ByteDance)


Sie alle haben neben der Tatsache, dass sie derzeit zu den wertvollsten Unternehmen weltweit gehören, noch eine weitere hervorzuhebende Gemeinsamkeit. Ihr Geschäftsmodell beruht auf dem Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie, d. h. konkret, ihre Wirtschaftsweise behandelt menschliche Aufmerksamkeit als eine knappe Ressource, die durch Inhalte, Algorithmen und Werbung maximiert wird.


Dabei generieren besagte Unternehmen konkret Einnahmen durch:


1) Den Verkauf personalisierter Werbung

Die, die mit Abstand am weitesten verbreitete Form der Erlösgenerierung darstellt. 

Bei dieser Form der Monetarisierung haben Werbetreibende die Möglichkeit, anhand gewisser Kriterien auszusuchen, gegenüber welcher Personengruppe sie ihre Werbung ausspielen möchten. Bei Facebook kann Werbung dabei beispielsweise anhand von 1.300 Zielgruppenkriterien gezielt auf die beabsichtigte Nutzergruppe zugeschnitten werden. Im Falle personalisierter Werbung findet demnach nicht nur ein Tausch von Aufmerksamkeit gegenüber den Leistungen der Plattform (Vernetzung, Inhaltenutzung) statt, sondern auch eine Kommerzialisierung. Dieser Prozess beschreibt, dass persönliche Informationen und Interaktionen der Nutzer auf der Plattform zur Ware werden. Hierunter fallen sowohl die klassischen Angaben der Nutzer wie Alter, Geschlecht oder Wohnort als auch komplexe Daten wie ihre Interaktionen auf der Plattform und sogar darüber hinaus.


2) Monetarisierung und Analyse von Nutzerdaten

Eng in Verbindung mit personalisierter Werbung und der Auswertung der Daten der Nutzer sowie deren Aktivitäten steht der Handel mit Daten und Analysen, die auf den Datensammlungen der Plattformen basieren. Aufgrund dieses Datenzugangs und darauf basierender Analysen besitzen Social-Media-Anbieter einen kaum vergleichbaren Einblick in Nutzer sowie deren Präferenzen und Handlungen. Dies ermöglicht Prognosen über Konsum- und Lifestyletrends und bildet deshalb für Anbieter von Konsumgütern eine wichtige Informationsressource. Dieses Bewirtschaften, d. h. die Gewinnung, Analyse und Verbreitung von Daten, ist von zentraler Bedeutung für das werbefinanzierte Geschäftsmodell von Social Media.


Darüber hinaus gibt es noch weitere Möglichkeiten der Nutzermonetarisierung, die aber aufgrund ihres prozentualen Anteils am Finanzaufkommen jener zuvor aufgezählten Unternehmen weitestgehend unbedeutend sind. So erzielte beispielsweise Meta 2025 einen Gesamtumsatz von 201 Milliarden US-Dollar (97–98 % stützen sich dabei auf Werbeeinnahmen) und einen Nettogewinn von rund 60,5 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einer Nettogewinnmarge von etwa 30 %. Um dies in einen Vergleich zu setzen: In vielen herkömmlichen Industrien gelten Gewinnmargen von 5–15 % bereits als sehr gut.

Die ökonomische Bedeutung der Aufmerksamkeitsökonomie zeigt sich auch in den Prognosen von WPP Media. Der weltweit größte Werbemarktbeobachter schätzt die globalen Werbeerlöse für das Jahr 2025 auf 1,08 Billionen US-Dollar. Davon entfallen 73,2 % auf digitale Werbeformate.


Aus mikroökonomischer (Teilbereich der Volkswirtschaftslehre. Sie untersucht das Wirtschaftsverhalten einzelner Akteure wie Konsumenten, privater Haushalte und Unternehmen) Sicht handeln Unternehmen dabei immer nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung. Um hier an meinen Anfangsgedanken anzuknüpfen, ist die hohe Abhängigkeit vieler Jugendlicher dementsprechend nicht verwunderlich, da eine intensivere Nutzung der sozialen Medien für die dahinterstehenden Unternehmen mit mehr Werbeeinnahmen einhergeht, wodurch ökonomische Anreize entstehen, Mechanismen einzusetzen, die ein ungesundes Nutzungsverhalten von Social-Media-Plattformen begünstigen.


So wird gezielt auf verhaltenssteuernde Designmechanismen gesetzt, die die Nutzungsdauer und Interaktionshäufigkeit erhöhen sollen. Dazu zählen insbesondere variable Belohnungssysteme, Infinite Scroll, Autoplay-Funktionen, Push-Benachrichtigungen, soziale Bestätigung durch Likes und Kommentare sowie algorithmisch personalisierte Inhalte. Diese Elemente dienen dazu, die Aufmerksamkeit der Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten und damit die ökonomische Verwertbarkeit ihrer Nutzung zu steigern. Marx würde hierin wahrscheinlich eine Entfremdung des Menschen sehen, d. h., dass Menschen die Kontrolle über ihre eigene Tätigkeit und ihr Leben verlieren, sodass sie zunehmend die Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit an Plattformen und Algorithmen abgeben, die diese ökonomisch verwerten.


Trotz jener Ausführungen lassen sich die sozialen Medien nicht grundsätzlich verteufeln. Denn obwohl in diversen westlichen Staaten ihr Suchtpotenzial zunehmend kontrovers diskutiert wird, erfüllen jene Plattformen in autoritären oder autoritär anmutenden Regimen eine elementare demokratische Funktion. Diese manifestiert sich unter anderem in den Protesten im Iran nach dem Tod von Jina Amini 2022. So wurden die schwersten und am längsten andauernden Proteste seit der islamischen Revolution 1979 maßgeblich über Social Media organisiert.


Die Kritik an jenen Plattformen beschränkt sich dementsprechend auf die Geschäftspraktiken der dahinterstehenden Konzerne und stellt nicht die Existenz der sozialen Medien als solche infrage. Dementsprechend wäre eine stärkere Reglementierung der zu Abhängigkeit führenden Mechanismen, wie z. B. ein Algorithmus, der nicht so massiv auf die temporären Benutzerpräferenzen reagiert, sinnvoll. Denn auch wenn viele Menschen die sozialen Medien in ihrer Freizeit exzessiv nutzen, tritt hierbei keine Erholung ein. Im Gegenteil, es kann sogar zu digitalem Stress kommen. Dies ist besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass wir für die Wertschöpfung unserer Aufmerksamkeit nicht direkt entlohnt werden. Wieso dann nicht gleich arbeiten gehen?


Literaturquellen

 

Buchhaltung – einfach sicher. (2025, 18. November). Mikroökonomie einfach erklärt: Definitionen, Fakten & Co. https://www.buchhaltung-einfach-sicher.de/bwl/mikrooekonomie 

 

forDigitHealth – Gesund Digital Leben. (o. D.). Was ist digitaler Stress? https://gesund-digital-leben.de/ergebnisse-2/digitaler-stress-der-wegweiser/was-ist-digitaler-stress/

 

Dogruel, L. (2024, 1. März). Das Geschäftsmodell von Social-Media-Unternehmen. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/soziale-medien/545978/das-geschaeftsmodell-von-social-media-unternehmen/ 

 

Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht. (o. D.). Die digitale Aufmerksamkeitsökonomie unter dem Grundgesetz und dem internationalen öffentlichen Recht. https://csl.mpg.de/de/projekte/digitale-aufmerksamkeitsoekonomie 

 

Meta Platforms, Inc. (o. D.). Meta Investor Relations. https://investor.atmeta.com/home/default.aspx

 

Scott-Dawkins, K. (2025, 10. Juni). Mid-year global advertising forecast update: $1.08 trillion in 2025 ad revenue and 6% growth. WPP Media. https://www.wppmedia.com/fr/news/tyny-midyear-2025?stream=top&utm_source 

 

tagesschau.de. (2024, 2. Dezember). Großteil der Kinder ab zehn Jahren hat ein Smartphone. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/bitkom-kinder-handy-100.html

 

tagesschau.de. (2025, 12. März). Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen hat ein Medienproblem. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/soziale-medien-kinder-jugendliche-mediensucht-100.html

 

Wikipedia-Autor:innen. (o. D.). Mahsa Amini protests. In Wikipedia. Abgerufen am 17. Juli 2026, von https://en.wikipedia.org/wiki/Mahsa_Amini_protests

 

Wikipedia-Autor:innen. (o. D.). Ökonomie der Aufmerksamkeit. In Wikipedia. Abgerufen am 17. Juli 2026, von https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96konomie_der_Aufmerksamkeit

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