Der Weg zum Politiker - Interview mit Lorenz Stradtner

Das Interview mit Lorenz Stradtner wurde im Rahmen des Projektes „Derksens PolitikKompass“ am 24.06.2026 in den Räumen des Kleinen privaten Lehrinstituts Derksen von Sebastian Heinke und Johann Huber geführt.
Erstmal recht herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihr Interesse, mit uns ein Interview im Rahmen unseres Projektes „Derksens PolitikKompass“ zu führen. Bevor wir starten, möchten wir Ihnen gerne noch kurz unseren Politik-Kompass vorstellen. Wir, der Leistungskurs Politik und Gesellschaft der Jahrgangsstufe 12, möchte Politik für unsere gesamte Schülerschaft verständlich, spannend und greifbar machen und versuchen daher aktuelle Themen interessant und informativ diskutieren, wie die unterschiedlichen Artikel seit März zeigen. Nun würden wir auch gleich mit der ersten Frage starten:
Vorstellung
Möchten Sie sich kurz vorstellen? Wer sind Sie, wie alt sind Sie – und seit wann sitzen Sie im Münchner Stadtrat?
Mein Name ist Lorenz Stratner, ich bin 27 Jahre alt, bin damit der zweitjüngste Stadtrat in München. Meine Amtsperiode hat am 1. Mai begonnen, am 11. Mai war die offizielle Vereidigung mit Bezug auf Verfassung und Grundgesetz. Seither bin ich nun ehrenamtlicher Stadtrat.
Erste Berührung mit Politik
Erinnern Sie sich an einen Moment oder ein Ereignis, bei dem Sie zum ersten Mal gemerkt haben: „Politik geht mich wirklich etwas an“?
Ich glaube, das begann schon relativ früh. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der mir vermittelt wurde, niemanden zurückzulassen – oder es zumindest immer zu versuchen. Gleichzeitig habe ich aber auch ziemlich bald gemerkt: In der Realität sind wir davon, dass wirklich alle mitgenommen werden, doch ziemlich weit entfernt.
Hinzu kommt der Umgang mit anderen Menschen in meinem Umfeld: mit meinen Geschwistern, mit Freundinnen und Freunden, mit Bekannten. Es wurde viel über Themen wie Umwelt, Klima, aber eben auch über den Umgang mit geflüchteten Menschen gesprochen. Und da habe ich gemerkt: Okay, das, was da passiert, hat direkt mit mir zu tun. Es kann meinen Alltag verbessern oder verschlechtern – vor allem aber den Alltag sehr vieler anderer Menschen.
An diesem Punkt habe ich mir gedacht: Gut, dann geht mich das etwas an. Ich kann nicht so tun, als hätte das nichts mit mir zu tun. Politik kann mein Leben verbessern, aber auch verschlechtern. Und genau deshalb sollte man sich einmischen – am besten so früh wie möglich.
Weg zu den Grünen
Sie sitzen für die Grünen im Stadtrat. Wie sind Sie ausgerechnet bei dieser Partei gelandet? Gab es dafür einen bestimmten Auslöser – ein Thema, eine Person oder eine Aktion?
Ich glaube, das hat sich bei mir über eine längere Zeit entwickelt. Ich habe mich von Anfang an angesprochen gefühlt, weil die Politik sehr stark auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Es wird großer Wert darauf gelegt, Themen aus einer fundierten, wissenschaftlichen Perspektive zu betrachten und gleichzeitig soziale Fragen mitzudenken.
Besonders wichtig finde ich dabei die Verbindung von sozialen Themen mit Entwicklungszusammenarbeit, Menschlichkeit und sozialem Fragen. Dieses Zusammendenken – also nicht nur isoliert auf ein Problem zu schauen, sondern die größeren Zusammenhänge mitzudenken – hat mich sehr angesprochen. Ich glaube, genau deshalb bin ich schließlich dort gelandet.
Lange Zeit war es eher so, dass ich mir dachte: „Ja, da sehe ich mich“, ich war ab 2018 auch Mitglied, aber ich bin trotzdem nie wirklich aktiv geworden. Ein Ereignis hat das dann allerdings verändert: 2020, als in Thüringen ein FDP-Politiker mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.
Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade im Ausland. Normalerweise wäre ich vielleicht zu einer Demonstration gegangen oder hätte auf andere Weise meinen Protest zum Ausdruck gebracht. Das war so aber nicht möglich. In dieser Situation habe ich gemerkt: Ich habe wirklich das Bedürfnis, mich stärker einzubringen – und es ist auch wichtig und notwendig, das zu tun.
Ab diesem Moment habe ich angefangen, mich deutlich aktiver zu engagieren.
Vom Engagement zur Kandidatur
Wann kam zum ersten Mal der Gedanke: „Ich könnte doch selbst kandidieren“? Und wer oder was hat Sie am Ende wirklich dazu gebracht, es durchzuziehen?
Ich würde sagen, das hat sich auch eher nach und nach entwickelt. Es gab nicht den einen Moment, in dem ich dachte: „So, das ist es jetzt“. Vielmehr waren es viele kleine Schritte.
2018, also vor etwa acht Jahren, war ich das erste Mal bei einem Neumitglieder- und Interessierten-Abend der Grünen Jugend. Damals hat der Stadtrat der Grünen Jugend über seine Arbeit erzählt – das fand ich unglaublich spannend, aber ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass ich selbst ein paar Jahre später in so einer Rolle sein könnte. Der Stadtrat hieß übrigens Dominik Krause, vielleicht haben Sie von ihm schon einmal gehört. Er hat bei diesem Abend sehr eindrücklich geschildert, wie wichtig Kommunalpolitik ist und das hat mich nachhaltig beeindruckt.
Plan oder Zufall?
Wie viel an Ihrem Weg in den Stadtrat war langfristig geplant – und wie viel war eher Zufall, weil sich Gelegenheiten ergeben haben?
In den darauffolgenden Jahren habe ich gemerkt, dass mir dieses politische Engagement wirklich Freude macht. Ich war ehrenamtlich in verschiedenen Vereinen aktiv, vor allem bei der Grünen Jugend und bei den Grünen. Das Engagement war aber lange Zeit eher „all over the place“ – viele verschiedene Baustellen gleichzeitig. Irgendwann habe ich mir dann gedacht: Eigentlich wäre es gut, das stärker zu bündeln.
In den letzten zwei, drei Jahren hat sich dann die Entscheidung herauskristallisiert: Der Stadtrat ist für mich ein Ort, an dem all das gut zusammenpasst: Verantwortung übernehmen, politisch gestalten, sich konkret vor Ort einbringen. Ich probiere das jetzt. Und ich schaue, ob andere Menschen mich in dieser Rolle auch sehen.
Wichtig war dabei auch, dass andere mir das zugetraut haben. Es gab einige, die auf mich zugekommen sind und gesagt haben: „Wäre das nicht was für dich? Hättest du da nicht Lust drauf?“ oder „Du könntest da frischen Wind reinbringen.“ Solche Rückmeldungen haben eine große Rolle gespielt. Es macht natürlich auch einen Unterschied, wenn Menschen, die schon dabei sind, sagen: „Wir hätten dich da gerne mit im Team.“ Insgesamt war es also ein längerer Prozess, nichts Spontanes. Da steckt viel Langfristigkeit drin – und sicherlich auch ein bisschen Zufall und Glück, dass es zeitlich und inhaltlich jetzt so gut passt.
Lehrkraft & Politik
Sie sind Schulpsychologe und Englisch-Lehrkraft. Inwiefern hilft Ihnen Ihre Ausbildung im Lehramtsbereich bei der politischen Arbeit – zum Beispiel beim Erklären, beim Zuhören oder beim Umgang mit Konflikten?
Ich glaube, ich habe fachlich einen besonderen Zugang zu vielen der Themen, die wir im Parlament verhandeln. Ich bin im Ausschuss für Bildung sowie im Ausschuss für Kinder- und Jugendhilfe und beschäftige mich dort unter anderem mit Fragen der psychischen Gesundheit, der Bildungsgerechtigkeit und gerade sehr intensiv mit Medienpädagogik – also dem Umgang mit Technologien, mit künstlicher Intelligenz und mit Medien im Allgemeinen.
Durch mein Studium, meine Ausbildung und meine praktische Erfahrung bringe ich da eine andere Perspektive mit, die sehr hilfreich ist. Ich kenne viele dieser Themen nicht nur aus der Theorie, sondern auch aus dem Arbeitsalltag.
Dazu kommt: Es hilft natürlich, wenn man gerne vor Gruppen spricht – so wie man es als Lehrkraft tut – und wenn man Freude daran hat, Menschen wirklich zuzuhören. Aus meinen bisherigen Tätigkeiten bringe ich Techniken mit, wie man gezielt nachfragt, von Menschen lernt und versucht, ihre Situation wirklich tief zu verstehen – ähnlich wie in einem Beratungskontext.
Trotzdem ist die Rolle in der Politik noch einmal etwas anderes. Es sind alles verantwortungsvolle Aufgaben, aber in der politischen Arbeit geht es am Ende immer darum, Entscheidungen zu treffen. Man muss abwägen, unterschiedliche Interessen und Perspektiven berücksichtigen und dann trotzdem zu einem Ergebnis kommen. Dabei hilft mir auch, was ich in meiner Ausbildung gelernt habe – zum Beispiel Ambiguitätstoleranz: also die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und Widersprüchen umzugehen, Dinge auszuhalten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, sich auf den zweiten Blick aber doch sinnvoll fügen.
Themen, die Sie antreiben
Welche politischen Themen liegen Ihnen im Stadtrat besonders am Herzen – und warum gerade diese?
Ich würde da zwei Ebenen unterscheiden: Zum einen, was mir persönlich sehr am Herzen liegt, und zum anderen, woran ich aktuell konkret im Stadtrat arbeite. Da gibt es große Überschneidungen, aber es ist nicht zu hundert Prozent deckungsgleich.
Politisiert hat mich vor allem das Thema Asyl und Migration – also die Rechte und der Umgang mit Geflüchteten, auch aus persönlicher Erfahrung im eigenen Umfeld. Da habe ich sehr deutlich gemerkt, wie politische Entscheidungen das Leben von Menschen ganz konkret beeinflussen. Ein Beispiel ist die Bezahlkarte: Das war für mich so ein Moment, in dem klar wurde, dass Politik das Leben von Menschen aktiv schlechter machen kann. Das ist ein Feld, das mir weiterhin sehr wichtig ist, auch wenn es im Stadtrat nicht immer das sichtbarste Thema ist.
Im Stadtrat arbeite ich vor allem in den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, aber auch in IT und Kultur. Das sind Bereiche, in denen ich viele Schnittstellen zu meinen anderen Tätigkeiten an der Schule und an der Uni sehe. Mir ist wichtig, dass junge Menschen in dieser Stadt gute Bildungschancen haben, psychosozial unterstützt werden – von der Kita bis zur Berufsschule – und Räume finden, in denen sie selbstbestimmt und selbstverwaltet agieren können.
Ein großes Querschnittsthema ist für mich der Umgang mit dem öffentlichen Raum. Auch wenn ich nicht im Planungs- oder Mobilitätsausschuss sitze, spielt das in der Bildungs- und Jugendpolitik natürlich eine große Rolle: Wo können junge Menschen sich aufhalten, ohne konsumieren zu müssen? Wo gibt es Platz für Kultur und Begegnung?
Ganz zentral ist auch die Frage der Bezahlbarkeit. Dass man sich das Leben in München leisten kann, ist einfach ein riesiges Thema. Ich habe das selbst erlebt, als ich nach München gezogen bin: Erst einmal ein WG-Zimmer finden, bei einem durchschnittlichen Zimmerpreis von 800 Euro – das ist alles andere als einfach. Wohn- und Lebenshaltungskosten sind für mich deshalb nicht nur ein politisches, sondern auch ein sehr persönliches Thema.
Im Wahlkampf habe ich außerdem ein Projekt stark gemacht, an dem ich jetzt weiterarbeiten möchte: die Schaffung eines kommunalen, nicht-kommerziellen Clubs beziehungsweise einer Clubfläche, die bezahlbar ist – idealerweise in einer derzeit leerstehenden Immobilie. Dieses Vorhaben hat es in den Koalitionsvertrag geschafft. Besonders spannend fände ich zum Beispiel den Keller des Rathauses, der aktuell leer steht. Das wäre ein starkes Signal: dass junge Kultur und Clubkultur mitten im Herzen der Stadt einen eigenen Raum bekommt.
Inklusion & Teilhabe
In vielen Schulen und Stadtvierteln ist Inklusion ein wichtiges Thema. Welche Rolle spielt Inklusion – zum Beispiel von Menschen mit Behinderungen, unterschiedlicher Herkunft oder sozial benachteiligten Gruppen – in Ihrer Arbeit im Stadtrat, und was möchten Sie hier konkret verbessern?
Das Feld ist sehr breit, weil es sowohl physische als auch nicht-physische Barrieren gibt – sichtbare und unsichtbare Behinderungen, wobei ich dabei davon sprechen würde, dass Menschen in unserer Gesellschaft behindert werden. Genau daran zu arbeiten, muss eine zentrale Aufgabe für uns alle sein.
Ein großer Bereich ist natürlich der öffentliche Raum: Ist Mobilität wirklich für alle möglich? Die ehrliche Antwort ist: noch nicht. Wir sind noch weit davon entfernt, einen barrierefreien oder auch nur barrierearmen Raum zu haben – sei es bei Wegen, Haltestellen oder öffentlichen Gebäuden. A pro pos Gebäude, im Bereich Wohnen fehlt es nicht nur an bezahlbarem Wohnraum, sondern ganz besonders auch an barrierearmen oder rollstuhlgerechtem Wohnungen.
Aber Barrierefreiheit ist nicht nur physisch. Auch im digitalen Bereich gibt es inzwischen viele Möglichkeiten, Angebote barriereärmer zu gestalten. Und oft profitieren davon am Ende alle. Man spricht da vom „Curb-Cut-Effekt“: Das klassische physische Beispiel ist der abgesenkte Bordstein. Er hilft Menschen im Rollstuhl – aber eben auch Eltern mit Kinderwagen, Menschen mit Rollkoffern oder älteren Menschen mit Rollator. Solche Effekte gibt es genauso im Digitalen, etwa bei gut lesbaren Webseiten, Untertiteln oder einfacher Navigation.
Inklusion ist für mich ein Querschnittsthema, das wirklich alle Bereiche betrifft:Kultur, Bildung, Kinder- und Jugendhilfe – überall muss Barrierefreiheit mitgedacht werden. Ein schönes Beispiel ist das Oben-Ohne-Festival des Kreisjugendrings: Dieses Jahr tritt dort zum ersten Mal ein gehörloser Künstler auf. Das erweitert nicht nur das Programm, sondern macht die Festival-Erfahrung insgesamt vielfältiger.
Spannend finde ich auch die Überschneidungen mit anderen Themen, zum Beispiel mit Arbeitsbedingungen. Ich hatte dazu vor ein paar Jahren ein Gespräch mit Gewerkschaftsvertretern und dem damaligen Behindertenbeauftragten. Da ging es unter anderem um Mobilität im öffentlichen Nahverkehr. Der Vorsitzende des Behindertenbeirats hat damals zu Recht darauf hingewiesen: Wenn ein Tramfahrer nur zwei Minuten Wendezeit hat – also zwei Minuten, um zur Toilette zu gehen – dann ist es für ihn schlicht schwierig, zusätzlich noch die Rampe aus- und wieder einzuklappen. Sonst kommt er selbst nicht mehr aufs Klo.
Das zeigt: Barrierefreiheit kann man nicht isoliert denken. Wir müssen die Bedingungen für Beschäftigte genauso mitdenken wie die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Nur so kommen wir wirklich voran. Und ich bin sicher, dass uns dieses Thema noch lange intensiv beschäftigen muss.
Alltag im Stadtrat
Viele stellen sich Stadtratsarbeit ziemlich abstrakt vor. Wie sieht ein „ganz normaler“ politischer Tag bei Ihnen aus?
Man kann sich das so vorstellen, dass sich vieles in wiederkehrenden Terminen, aber auch sehr viel „dazwischen“ abspielt.
Ein wichtiger Fixpunkt ist die Fraktionssitzung – also die Sitzung der eigenen Gruppe. In meinem Fall ist das die Fraktion „Die Grünen – Rosa Liste“. Die Grünen arbeiten in München seit rund 30 Jahren fest mit der Gruppierung „Rosa Liste“ zusammen, einer queeren Liste (also keine klassische Partei). Diese Fraktionssitzung findet immer montags statt und dauert in der Regel mehrere Stunden. Dort besprechen wir, was in der kommenden Woche ansteht:
welche Themen in den verschiedenen Ausschüssen behandelt werden,
welche größeren politischen Fragen aktuell sind
und es findet ein Austausch mit der Verwaltung statt.
Daneben gibt es die verschiedenen Fachausschüsse, die sich jeweils einem Themenbereich widmen und ungefähr einmal im Monat tagen. Dort wird dann inhaltlich an den einzelnen Themen gearbeitet und über Vorlagen entschieden.
Ein großer Teil der Arbeit findet allerdings außerhalb dieser offiziellen Sitzungen statt:
Wir lesen und bewerten die Vorlagen der Verwaltung, über die später in den Ausschüssen abgestimmt wird.
Wir formulieren Änderungsanträge, Anträge und Anfragen.
Wir treffen uns mit Vertreter*innen von Verbänden, Initiativen und Organisationen.
Und wir kommen allgemein mit Bürger*innen ins Gespräch, oft bei Veranstaltungen.
Im Kulturbereich bedeutet das zum Beispiel sehr viele Termine am Abend: Eröffnungen, Premieren, Veranstaltungen aller Art. Gerade in einer Stadt wie München, in der ständig etwas los ist, könnte man theoretisch jeden Abend fünf Termine wahrnehmen – man muss also stark priorisieren.
Auch während der „klassischen“ Arbeitszeiten passiert viel:
Anträge schreiben,
Vorlagen der Verwaltung lesen,
Gespräche mit der Verwaltung führen, um konkrete Projekte voranzubringen.
Wie genau der Arbeitsalltag aussieht, hängt auch davon ab, ob man Teil der Regierungskoalition oder in der Opposition ist. In der Opposition schreibt man oft mehr Anträge und Anfragen, um Informationen zu bekommen und Themen zu setzen. In der Regierung geht es zusätzlich stärker darum, gemeinsam mit der Verwaltung Lösungen umzusetzen – Anträge schreibt man zwar weiterhin, aber mit etwas anderer Zielrichtung.
Jung im Gremium
Wie erleben Sie es, als junger Mensch in einem Gremium zu sitzen, in dem viele deutlich älter sind? Fühlen Sie sich ernst genommen – oder müssen Sie öfter um Gehör kämpfen?
Ich finde, man darf Alter nicht automatisch mit Erfahrung gleichsetzen. Nur weil jemand jünger ist, heißt das nicht, dass er oder sie weniger mitbringt. Ich engagiere mich seit rund 15 Jahren ehrenamtlich und bin inzwischen auch etwa acht Jahre politisch aktiv. Diese Erfahrung wird von vielen Menschen durchaus anerkannt – auch wenn sie auf den ersten Blick nicht immer sichtbar ist.
Wenn ich zu Terminen außerhalb der Gremien gehe, sind manche zunächst überrascht, dass da eine so junge Person am Tisch sitzt. Oft schlägt diese Überraschung aber schnell in etwas Positives um: Viele freuen sich, dass jemand da ist, der frischen Wind und neue Energie mitbringt. Insgesamt fühle ich mich in dieser Rolle sehr wohl – ich werde ernst genommen, meine Positionen werden gehört, und das motiviert mich sehr.
Politik & Schule
Was würden Sie Schülerinnen und Schülern sagen, die Politik „langweilig“ oder „zu kompliziert“ finden? Wie könnte man Schule und echte Politik Ihrer Meinung nach besser miteinander verbinden?
Ich glaube, dass sich Schule noch verändern und deutlich demokratischer werden kann. Am Ende ist es aber – wie in der Schule, so auch in der Politik – immer die Frage, inwieweit sich Menschen einbringen, aber eben auch einbringen können. Beteiligung hängt stark von den Möglichkeiten ab, die man ihnen bietet.
Gerade in der Kommunalpolitik sind die Themen sehr greifbar. Es geht oft um Dinge direkt vor der Haustür: Wie ist der Platz oder der Park in meinem Viertel gestaltet? Wie sieht die Straße vor meinem Haus aus? Wie ist meine Schule ausgestattet? Wie ist der Jugendtreff organisiert, in den ich gehe? Und wer entscheidet darüber?
Da sehe ich durchaus positive Entwicklungen. Manche Politikerinnen und Politiker nutzen Social Media mittlerweile sehr gut und erreichen damit Menschen, die sonst vielleicht keinen direkten Zugang zur Politik hätten. Trotzdem glaube ich, dass nichts den direkten Austausch vor Ort ersetzen kann. Es ist wichtig, physisch miteinander ins Gespräch zu kommen – zum Beispiel in Schulen. Bei euch kommen ja auch immer wieder Menschen aus dem Viertel oder aus unterschiedlichen Ebenen der Politik vorbei. Das ist ein guter Ansatz.
Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: In der Politik braucht man manchmal einen langen Atem. Veränderungen passieren selten „mit einem Fingerschnipsen“. Vieles braucht Zeit, Abstimmungen und Kompromisse. Zur Wahrheit gehört deshalb auch, dass es ein gewisses Maß an Engagement und auch an Organisierung braucht, um wirklich etwas zu verändern.
Rolle der Jugend
Welche Rolle wünschen Sie sich für Jugendliche in der Münchner Stadtpolitik – über Demos und Social Media hinaus?
Ich habe das Gefühl, da sind eigentlich zwei Themen drin. Zum einen geht es darum, dass junge Menschen in der Münchner Stadtpolitik sichtbarer werden. Der Altersdurchschnitt im Stadtrat lag bei der letzten Wahl ungefähr bei 50 Jahren. Jüngere Menschen sind also deutlich unterrepräsentiert.
Ich finde es schon bemerkenswert – und ehrlich gesagt auch schade –, dass ich aktuell die zweitjüngste Person im Stadtrat bin und sowohl ich als auch der jüngste Kollege im Jahr 1999 geboren sind. Das heißt: Niemand, der im aktuellen Jahrtausend geboren ist, sitzt im Münchner Stadtrat.
Deshalb wünsche ich mir mehr junge Menschen, die Lust haben, sich einzubringen – sei es in Jugendorganisationen von Parteien oder direkt in Parteien selbst. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Weg. Aber politische Teilhabe findet nicht nur in Parteien statt: Auch in Vereinen jeglicher Art kann man sich einbringen, Verantwortung übernehmen und Politik mitgestalten – innerhalb des Verbands und teilweise auch darüber hinaus.
Zweifel & Gegenwind
Gab es schon Momente, in denen Sie gedacht haben: „Warum tue ich mir das an?“ Wie gehen Sie mit Frust, Kritik oder Shitstorms um?
Ich nehme Kritik auf jeden Fall ernst. Wenn etwas an mich herangetragen wird, denke ich viel darüber nach, spreche mit anderen darüber und setze mich damit auseinander.
Einen wirklich ausgeprägten Shitstorm, in dem ich komplett im Kreuzfeuer stand, hatte ich bisher allerdings noch nicht. Ich habe das im Umfeld schon bei anderen miterlebt, aber selbst war ich bislang nicht so massiv betroffen. Trotzdem gehört es dazu, sich innerlich darauf vorzubereiten und Strategien zu entwickeln, wie man mit Kritik und auch mit unsachlichen Angriffen umgeht.
Die ehrliche Antwort ist: Mir macht es sehr viel Freude. Deswegen habe ich diesen „Warum tue ich mir das an?“-Moment tatsächlich eher selten. Natürlich – es wird manchmal sehr viel, es kostet Zeit und Kraft. Und aktuell ist die Lage, gerade was den Haushalt angeht, ziemlich schwierig.
Das bedeutet, dass wir eben nicht einfach alle Projekte fördern können, die wir gut finden. Im Gegenteil: Man muss harte Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen und auch einmal Nein sagen, obwohl man die Idee eigentlich unterstützt. Das fühlt sich manchmal frustrierend an und kann auch sinnlos erscheinen, wenn man von guten Projekten überzeugt ist, sie aber aus finanziellen Gründen nicht umsetzen kann.
Trotzdem bin ich mir der Verantwortung sehr bewusst. Ich sehe den Sinn darin, Verantwortung zu übernehmen und diese Entscheidungen transparent und ehrlich zu kommunizieren.
Blick in die Zukunft
Wo sehen Sie sich in fünf bis zehn Jahren: weiterhin im Stadtrat, vielleicht im Landtag oder Bundestag – oder wieder stärker an der Schule?
Ich bin jetzt für sechs Jahre gewählt worden, was ich – gerade als junger Mensch – schon als eine ziemlich lange Zeit empfinde. Für diese nächste Etappe ist das jetzt erst einmal das, was ich tue, und darauf freue ich mich sehr. Danach werde ich schauen, wie es weitergeht und ob die Menschen mich weiterhin wollen – und wo sie mich dann vielleicht sehen.
Ich kann mir aber auch gut vorstellen, wieder mehr Zeit in der Schule zu verbringen und als Schulpsychologe und Lehrer zu arbeiten. Da bin ich grundsätzlich offen und lasse auf mich zukommen, wie sich das entwickelt.
Tipp für unsere Leserinnen und Leser
Welchen Rat würden Sie einem Schüler oder einer Schülerin geben, der oder die sich für Politik interessiert, aber noch nicht weiß, wie man anfangen soll?
Ich würde vor allem empfehlen, einfach mal bei Treffen von Verbänden, Vereinen oder Organisationen vorbeizuschauen, die einen interessieren – und dort andere Menschen kennenzulernen. Dieses Sich-Verbünden, das Finden von Mitstreiter*innen, ist unglaublich wichtig.
Wenn man gerne diskutiert, sind das auch genau die Orte, an denen man auch auf andere Menschen trifft, die Lust auf Austausch haben. Und wenn man ein Anliegen hat, mit dem man im eigenen Umfeld vielleicht nicht immer auf Verständnis oder Widerhall stößt, gibt es gerade in München eine sehr breite Zivilgesellschaft mit vielen Räumen, in denen man sich einbringen kann. Dort findet man oft Menschen, die ähnliche Interessen haben und bereit sind, sich für eine Sache einzusetzen.
Ich würde niemals unterschätzen, wie viel Kraft es geben kann, wenn man von Menschen umgeben ist, die ähnlich denken wie man selbst – und nicht nur von Menschen, die ganz anders ticken und bei denen man ständig das Gefühl hat, sich behaupten zu müssen. Dieses Gefühl, Support im Rücken zu haben, macht einen riesigen Unterschied.
Abschalten von der Politik
Und zum Schluss: Was machen Sie, wenn Sie einmal komplett abschalten wollen und nichts mit Politik zu tun haben möchten?
Zum Abschalten hilft mir vor allem, das Handy wirklich wegzulegen – auch wenn mir das nicht immer leichtfällt. Man ist dann eben nicht erreichbar und bekommt nicht sofort mit, wenn etwas ist. Aber genau das ist wichtig, um Abstand zu gewinnen. Außerdem helfen mir klare Zeiten, in denen ich nicht arbeite, Sport treibe, mich mit Freund*innen treffe oder einfach meinen Hobbys nachgehe. Das alles trägt dazu bei, mit Stress und Enttäuschungen besser umgehen zu können und langfristig gesund in der Politik zu bleiben.
Damit sind wir am Ende unseres Interviews angekommen.
Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die spannenden Einblicke.


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